Warum die Pentatonik die coolsten Basslinien der Welt trägt
Was glaubst du: Wie viele Töne verwendet Pino Palladino in der Basslinie von „Vultures"? Acht? Zehn? Es sind genau vier – und alle vier gehören zur Moll-Pentatonik. Als ich das zum ersten Mal herausgehört habe, wollte ich es selbst kaum glauben. Diese Linie klingt so raffiniert, so melodiös – und dann ist es am Ende die Tonleiter, die angeblich nur etwas für Anfänger ist.
Genau um diesen Mythos geht es heute: „Pentatonik ist langweilig und nur für Anfänger." Diesen Satz habe ich früher selbst geglaubt. Fünf Töne, kann ja jeder, klingt nach nichts – dachte ich. Bis mir nach und nach aufgefallen ist, dass einige der berühmtesten Basslinien der Musikgeschichte auf genau diesen fünf Tönen aufgebaut sind. In diesem Beitrag zeige ich dir fünf Basslinien, die du garantiert kennst, dazu die passenden Griffbrettdiagramme der Pentatonik Tonleiter zum Nachspielen – und am Ende noch eine Überraschung, die dich vielleicht mehr verblüfft als die Basslinien selbst.
Was ist die Pentatonik überhaupt?
Die Pentatonik ist eine Tonleiter aus fünf Tönen. Der Name, „penta" kommt aus dem Griechischen und bedeutet fünf. Für uns Bassisten sind zwei Varianten entscheidend:
Die Dur-Pentatonik besteht aus Grundton, großer Sekunde, großer Terz, Quinte und Sexte. Sie klingt hell, freundlich und offen – das ist der Sound von Country, Boogie, Rock'n'Roll und unzähligen Pop-Songs.
Die Moll-Pentatonik besteht aus Grundton, kleiner Terz, Quarte, Quinte und kleiner Septime. Sie klingt dunkler, erdiger und ist das Rückgrat von Rock, Funk und Soul.
Beide Tonleitern lassen die „Reibetöne" der normalen Dur- und Molltonleiter weg. Das Ergebnis: Es gibt kaum einen Ton, der wirklich falsch klingt. Genau deshalb wird die Pentatonik gerne als Einsteiger-Tonleiter unterrichtet – und genau daraus ist der Mythos entstanden, sie sei nur etwas für Einsteiger. Dass das Unsinn ist, beweisen dir jetzt fünf Weltstars am Bass.
Billie Jean – Michael Jackson: Die berühmteste Moll-Pentatonik der Welt
Fangen wir mit einer Basslinie an, die wahrscheinlich jeder Bassist auf diesem Planeten kennt: „Billie Jean" von Michael Jackson, eingespielt von Louis Johnson. Johnson ist eigentlich als einer der größten Funk- und Slap-Bassisten aller Zeiten bekannt – sein Spitzname „Thunder Thumbs" kommt nicht von ungefähr. Und was spielt er auf einem der meistverkauften Songs der Popgeschichte? Töne der Fis-Moll-Pentatonik.
Das Bemerkenswerte dabei: Er nutzt nicht einmal alle fünf Töne. Ein Ton der Pentatonik kommt in der kompletten Linie gar nicht vor. Vier Töne, ein unerschütterliches Achtel-Pattern, absolute Präzision – mehr braucht es nicht für einen der größten Grooves aller Zeiten. Die Lektion daraus: Eine Basslinie wird nicht durch mehr Töne besser, sondern durch die richtigen Töne zur richtigen Zeit.
Come Together – The Beatles: Wenn Moll-Pentatonik mysteriös klingt
Mein nächstes Beispiel bringt deutlich mehr Melodie ins Spiel. Am Bass: eine absolute Ikone, Sir Paul McCartney von den Beatles. Die Basslinie von „Come Together" hat fast schon einen skurrilen, geheimnisvollen Charakter. Und viele halten sie für harmonisch total kompliziert. Ist sie aber überhaupt nicht. Auch hier sind es wieder Töne der Moll-Pentatonik, diesmal in D.
McCartney macht allerdings zwei Dinge, die die Linie so besonders machen. Erstens verlässt er den gewohnten Rahmen und geht über die Oktave hinaus – bis zur kleinen Terz über der Oktave. Zweitens rutscht er in die Töne hinein. Diese Slides bringen eine zusätzliche Bewegung in die Linie, erzeugen extra Groove und sorgen für diesen leicht mysteriösen Charakter. Das Tonmaterial bleibt simpel – die Phrasierung macht die Magie. Merke dir diesen Satz: Phrasierung schlägt Tonmaterial.
Crazy Little Thing Called Love – Queen: Dur-Pentatonik im Boogie-Gewand
Nach zwei Moll-Beispielen kommen wir jetzt zur Dur-Pentatonik und zu einem Song, der bei keiner Oldie-Nacht fehlen darf: „Crazy Little Thing Called Love" von Queen. John Deacon spielt hier eine ganz typische Boogie- beziehungsweise Rock'n'Roll-Basslinie mit leichtem Shuffle-Rhythmus. Die Basis der Basslinie besteht aus Tönen der Dur-Pentatonik.
Das eigentlich Verrückte daran: Dieses Pattern ist nicht einfach nur eine Queen-Basslinie. Es ist das Rock'n'Roll Bass-Pattern schlechthin. Grundton, Terz, Quinte, Sexte. Dieses Boogie-Woogie-Muster findest du seit über 70 Jahren in unzähligen Hit-Songs. Elvis, Chuck Berry, jede Rock'n'Roll-Nummer, jeder Blues-Abend, auf dem du je gespielt hast oder spielen wirst: Überall steckt genau dieses Bass-Riff drin. Wer dieses eine Pattern in allen Tonarten sicher beherrscht, kann sich auf jede Session der Welt stellen und besteht.
Falls dich Blues und Boogie am Bass gepackt haben: Genau dieses Handwerk – Boogie-Patterns, das Blues-Schema, Turnarounds und Shuffle-Feel – baue ich in meinem Online-Blues-Basskurs Schritt für Schritt auf. Den findest du in meinem Onlineshop auf bass-lernen.de, inklusive einiger kostenloser Lektionen zum Reinschnuppern, damit du herausfinden kannst, ob der Kurs etwas für dich ist.
She Caught the Katy – The Blues Brothers: Dur-Pentatonik mit Attitude
Und weil der Blues so etwas Cooles ist, gibt es gleich noch ein zweites Dur-Pentatonik-Beispiel hinterher: „She Caught the Katy" aus dem legendären Blues-Brothers-Film. Am Bass hörst du hier den großen Donald „Duck" Dunn. Eine Stax-Legende, Mitglied von Booker T. & the M.G.'s und selbst Teil der Blues-Brothers-Band.
Die Linie basiert auf der Bb-Dur-Pentatonik. Spannend wird es beim Fingersatz: Statt der Standardposition lohnt sich hier eine Variante, bei der du auf die fünfte und sechste Stufe hochrutschen kannst. Wie bei "Come Together" gehören auch hier die Slides zum Charakter der Linie dazu.
Und noch etwas Wichtiges zeigt dieses Beispiel: Tonleitern können auch tiefer gehen als der Grundton. Das vergessen viele Bassisten, dabei kommt es in der Praxis ständig vor. Viel öfter, als man denkt. Die Töne unter dem Grundton gehören genauso zur Tonleiter wie die darüber.
Vultures – John Mayer: Die Meisterklasse von Pino Palladino
Jetzt kommen wir zu dem Beispiel vom Anfang zurück. Als ich „Vultures" von John Mayer zum ersten Mal gehört habe, hätte ich im Leben nicht gedacht, dass diese Basslinie nur aus der Moll-Pentatonik besteht. Sie klingt so unfassbar cool platziert, so raffiniert, so nach mehr.
Klar: Pino Palladino ist einer der weltbesten Session-Bassisten, und er spielt diese Linie mit einem extrem lässigen Feel und Groove. Er setzt die Noten exakt an die richtigen Stellen, zieht das Timing leicht nach hinten und lässt bewusst Lücken. Aber im Grundsatz verwendet auch er hier nur vier Töne der Moll-Pentatonik.
Die Überraschung: Amazing Grace
Zum Schluss verlassen wir die Basslinien und kommen zu etwas, das wir Bassisten eigentlich viel zu selten spielen: Melodien. Spiel einmal die Melodie von „Amazing Grace" auf deinem Bass – langsam, mit viel Ton. Du wirst feststellen, dass auch eine der meistgesungenen Melodien der Menschheit ausschließlich Töne der Dur-Pentatonik verwendet.
Und das ist kein Einzelfall. Der Komponist Antonín Dvořák hat das berühmte Largo-Thema seiner Sinfonie „Aus der Neuen Welt" auf pentatonischem Material aufgebaut. Kirchenlieder, Volkslieder auf der ganzen Welt, Sinfonien, die größten Basslinien der Popgeschichte – überall tragen diese fünf Töne die Musik. Eine „Tonleiter nur für Kinder und Anfänger" sieht wirklich anders aus.
Warum klingen Pentatonik-Basslinien so raffiniert? Die vier Zutaten
Wenn du die fünf Beispiele nebeneinanderlegst, erkennst du ein Muster. Es sind nie die Töne, die eine Basslinie besonders machen – es ist das, was die Profis mit ihnen anstellen. Vier Zutaten tauchen immer wieder auf:
Timing und Disziplin. Louis Johnson spielt bei „Billie Jean" jede Achtel mit derselben Präzision, nichts wackelt, nichts ist zu viel. Der Groove entsteht durch Verlässlichkeit.
Phrasierung und Slides. Paul McCartney rutscht bei „Come Together" in die Töne hinein und über die Oktave hinaus. Gleiche Töne, komplett anderer Charakter.
Rhythmische Patterns. John Deacon und Duck Dunn zeigen, wie ein Boogie-Pattern mit Shuffle-Feel aus fünf simplen Tönen eine treibende Maschine macht.
Feel und Notenplatzierung. Pino Palladino beweist bei „Vultures", dass die Kunst oft darin liegt, Töne bewusst wegzulassen und die verbleibenden exakt richtig zu setzen.
Die gute Nachricht: All das kannst du üben – und zwar mit genau den fünf Songs aus diesem Beitrag.
So übst du die Basslinien: Noten, Playalongs und das richtige Tempo
Zum Nachspielen habe ich in diesem Beitrag die Griffbrettdiagramme der vier Tonleitern für dich eingebaut – präg dir die Muster ein, sie funktionieren verschoben in jeder Tonart. Für die kompletten Basslinien mit Noten und Begleitband nutze ich die Playalongs der Tomplay-App. Dort findest du interaktive Noten zu den Songs, kannst die Bass-Spur im Mix herunterdrehen, damit du dich selbst gut hörst, und das Tempo so weit reduzieren, wie du es brauchst. Zu vielen Songs gibt es sogar vereinfachte Versionen der Basslinie – so kannst du auch als Einsteiger von Anfang an zum Song spielen und hast einfach Spaß dabei. Erst langsam und korrekt, dann Stück für Stück schneller. Den Link zur App findest du hier: Tomplay-Playalongs für Bass.*
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Häufige Fragen zur Pentatonik am Bass
Ist die Pentatonik nur für Anfänger?
Nein. Die Pentatonik ist zwar die ideale erste Tonleiter für Einsteiger, aber Profis wie Pino Palladino, Louis Johnson und Paul McCartney bauen einige ihrer berühmtesten Basslinien auf genau diesem Tonmaterial auf. Der Unterschied liegt nicht in den Tönen, sondern in Timing, Phrasierung und Feel.
Was ist der Unterschied zwischen Dur- und Moll-Pentatonik?
Die Dur-Pentatonik besteht aus Grundton, Sekunde, großer Terz, Quinte und Sexte und klingt hell und freundlich. Die Moll-Pentatonik besteht aus Grundton, kleiner Terz, Quarte, Quinte und kleiner Septime und klingt dunkler und erdiger. Beide verzichten auf die Halbtonreibungen der siebenstufigen Tonleitern.
Welche berühmten Basslinien verwenden die Pentatonik?
Bekannte Beispiele sind „Billie Jean" von Michael Jackson (Fis-Moll-Pentatonik), „Come Together" von den Beatles (D-Moll-Pentatonik), „Crazy Little Thing Called Love" von Queen (Dur-Pentatonik), „She Caught the Katy" von den Blues Brothers (Bb-Dur-Pentatonik) und „Vultures" von John Mayer (Fis-Moll-Pentatonik).
Darf eine Basslinie tiefer gehen als der Grundton der Tonleiter?
Ja, unbedingt. Tonleitern setzen sich unterhalb des Grundtons fort, und gerade am Bass werden die Töne unter dem Grundton sehr häufig verwendet – zum Beispiel bei „She Caught the Katy". Wer nur vom Grundton aufwärts denkt, verschenkt einen großen Teil des Griffbretts.
Wie lerne ich, mit der Pentatonik eigene Basslinien zu bauen?
Am besten über Vorbilder: Lerne die fünf Basslinien aus diesem Beitrag, analysiere, welche der vier Zutaten – Timing, Phrasierung, Pattern, Feel – jeweils den Charakter ausmacht, und übertrage das Prinzip dann auf eigene Grooves. Strukturierte Hilfe dazu findest du in den Kursen und Noten auf bass-lernen.de und im Online-Bassmagazin auf bass-me-up.de.
Fazit: Fünf Töne reichen für Weltklasse
Der Mythos „Pentatonik ist langweilig und nur für Anfänger" hält keiner einzigen Überprüfung stand. Von Michael Jackson über Queen und die Blues Brothers bis zu John Mayer: Viele der coolsten Basslinien der Welt kommen mit fünf Tönen aus – oft sogar mit weniger. Was sie besonders macht, ist nie das Tonmaterial, sondern das Handwerk dahinter. Und genau das lässt sich lernen.
*Transparenz: Dieser Beitrag enthält Partner-Links zu Tomplay. Wenn du darüber etwas kaufst, unterstützt du meine Arbeit – für dich ändert sich am Preis nichts. Das zugehörige Video enthält Produktplatzierung.
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